Rückblick 2021

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Liebe Tierfreunde, Unterstützer und Förderer des Hagel Hof e.V.,

ein weiteres stark von der Pandemie bestimmtes Jahr ist zu Ende gegangen – und während sich da draußen die Konflikte weiter zuspitzen, die Dinge unübersichtlicher und die Prognosen schwieriger werden, gibt es hier bei uns auf dem Hagel-Hof abseits von alledem einige Konstanten, auf die Sie sich verlassen dürfen: Hier stehen die Tiere und ihr Wohlbefinden im Mittelpunkt, hier gibt es einen Tagesablauf, der in seiner Struktur lange erprobt und immer darauf ausgerichtet ist, jedem einzelnen hier heimischen Lebewesen gerecht zu werden. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Corona-Pandemie spurlos an uns vorbeizieht – auch wir haben wegen ausbleibender Hofführungen hohe finanzielle Einbußen und nicht wenige der Anfragen, die uns erreichen, betreffen in der Corona-Isolation angeschaffte und nun nicht mehr erwünschte Haustiere. Was ich aber zum Einstieg in mein diesjähriges Schreiben gleich betonen möchte, ist eben dies: Wir leben in sehr herausfordernden Zeiten, die unser Hagel-Hof-Team aber nicht davon abbringen, sich mit derselben Hingabe den Tieren zu widmen, wie dies jetzt schon seit 26 Jahren der Fall ist. Dass wir überhaupt solange durchgehalten haben und motiviert sind, noch viele Jahre ein Refugium für verstoßene, verletzte, misshandelte oder vereinsamte Tiere zur Verfügung zu stellen, hängt aber natürlich ganz wesentlich mit Ihrer Unterstützung – finanzieller wie mental-emotionaler Art – zusammen. Danke, dass Sie weiter an unserer Seite stehen, uns fördern und damit den Tieren entscheidend helfen. 

Nun grassiert jenseits der Corona-Pandemie aber noch eine weitere Seuche: die sogenannte Geflügelpest. Durften wir unsere Vögel Ende Mai nach monatelanger Einstallpflicht endlich wieder nach draußen lassen, mussten wir sie auf Anweisung der Behörden schon Mitte November und bis heute andauernd wieder in den Stall schließen. Können Sie sich vorstellen, was für eine Belastung das für die Tiere ist? Mich macht das unheimlich traurig und natürlich auch wütend, da die Geflügelpest ihren Ursprung in der Tierindustrie hat und die Einstallpflicht als Reaktion darauf im wesentlichen wirtschaftlichen Interesse dient. Es tut mir in der Seele weh zu sehen, wie unsere Wasservögel aktuell keine Möglichkeit zum Schwimmen und unsere Laufvögel kaum Platz zum Rennen haben. Ich würde den Tieren so gerne ihre Situation erklären und ihnen verständlich machen, warum sie aktuell (wieder) all der Möglichkeiten beraubt sind, sich so zu verhalten, wie es ihrem Naturell entspricht und wie es ihnen Lebensqualität ermöglicht. Und auch wenn wir natürlich alles tun, um den Tieren ihre Zwangsquarantäne so erträglich wie möglich zu gestalten, so sieht und merkt man ihn dennoch an, wie belastend die Situation für sie ist. Das tut mir alles entsetzlich Leid für diese Tiere und da davon auszugehen ist, dass die Geflügelpest und ihre Begleiterscheinungen noch länger Thema sein werden, haben wir uns dazu entschlossen, von einigen ursprünglich geplanten Projekten für das Jahr 2022 Abstand zu nehmen und einen großen Teil der finanziellen Ressourcen darauf zu verwenden, den betroffenen Tieren einen großen überdachten Auslauf zu bauen. Dieser soll sicherstellen, dass die Enten wieder schwimmen, die Laufvögel wieder rennen und insgesamt wieder artgerechter gelebt werden kann. Ganz unabhängig davon, dass es den Tieren in ihrer aktuellen Situation schlecht geht, schmerzt es mich natürlich besonders, durch die behördlichen Bestimmungen zurzeit massiv in meiner Tierschutzarbeit gebremst zu werden. Neuaufnahmen von Geflügeltieren sind derzeit nicht möglich – und das, obwohl die Anfragen nur so reinrieseln…

Aber lassen Sie uns zu den erfreulicheren Nachrichten aus 2021 kommen, von denen es natürlich zahlreiche gibt und von denen ich Ihnen eine Auswahl mitteilen möchte: Zum Beispiel haben wir über Jahre hinweg eine alte, marode Taubenvoliere dazu zweckentfremden müssen, sie als isolierten Futterplatz für unsere alten Schafe und Ziegen zu verwenden, die aus altersbedingten Gründen ein besonderes Futter benötigen. In diesem Jahr ist es uns endlich gelungen, die Voliere durch eine solide, stabile und gut bedienbare Einrichtung zu ersetzen. Aus dem langjährigen Provisorium ist jetzt eine Sonder-Futterstelle geworden. Außerdem haben wir eine Dachdeckerfirma mit der kostspieligen, aber notwendigen Erneuerung der Giebel des Pferdestalls und der Diele beauftragt– ein Unterfangen, was wahrlich nicht mehr viel länger hätte aufgeschoben werden können, mit dessen Ergebnis wir aber wirklich sehr zufrieden sind. 

Wie in jedem Jahr gab es natürlich auch Momente der Trauer und des Abschieds. Man möchte meinen, dass jemand, der diesen Job seit 26 Jahren macht, eine gewisse Routine im Umgang mit dem Tod liebgewonnener Tiere entwickelt – aber seien sie versichert, das ist nicht so. Besonders tragisch sind Fälle, in denen ich als Verantwortliche darüber entscheiden muss, ob ein Tier eingeschläfert werden muss. Vielleicht können Sie sich vorstellen, was für eine unfassbar belastende und emotional herausfordernde Situation es ist, Abwägungen dieser Art zu treffen. Vieles in mir versperrt sich dagegen, mir ein solches Urteil überhaupt anzumaßen – wer bin ich schon, über das Leben und den Tod der mir anvertrauten Tiere zu entscheiden? Auf der anderen Seite komme ich aus humanistischen Gründen natürlich nicht darum herum, mich diesen Entscheidungen zu stellen. Wenn unser Schaf Marlies arthrosebedingt mit 15 Jahren nicht mehr aufstehen oder die Ziege Lena mit 18 Jahren aus denselben Gründen nicht mehr selbstständig laufen kann, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob in einem Zustand solcher Hilflosigkeit der sanfte und schmerzfreie Tod vielleicht der humanere Weg ist. Aber wie schlecht es einem Tier auch gehen mag und wie aussichtslos seine Genesungsperspektiven auch sind: es einschläfern zu müssen, ist die vielleicht schlimmste Begleiterscheinung meiner Arbeit. Auch Evi, eine ehemalige Milchkuh, die ganze 16 Jahre bei uns gelebt hat, musste vor kurzem erlöst werden, da auch ihre Gelenke sie nicht mehr zu tragen in der Lage waren. Zuhause, im Kreise ihrer Familie und mit uns an ihrer Seite ist sie von uns gegangen.

Mit unserem Pony Jerry, das an einer periodischen und letztlich zur Blindheit führenden Augenerkrankung leidet, sind wir mehrfach in eine Fachklinik nach Dülmen gefahren, um es dort von einem ausgewiesenen Experten behandeln zu lassen. Außerdem waren wir viel mit unseren Kaninchen unterwegs, die aufgrund ihrer vorherigen Haltungsbedingungen u.a. schiefgewachsene Zähne hatten, die regelmäßig nachgeschliffen worden sind. 

Einige Neuzugänge hatten wir 2021 natürlich auch zu begrüßen, zum Beispiel Gans Harald, die kurz vor dem Hitzetod in einem Pappkarton im Straßengraben aufgelesen worden ist oder auch das Minischwein Phil, das achtlos hier in der Gegend ausgesetzt und sich selbst überlassen worden ist. Eine besondere logistische Herausforderung waren die 30 Kaninchen, die wir nach einem Hinweis eigenständig aus verwahrlosten Bedingungen herausgeholt und zunächst aufgenommen hatten. Nach tierärztlicher Behandlung und vielen sehr kooperativen Gesprächen mit verschiedenen Tierheimen leben von den 30 Findlingen heute 7 dauerhaft bei uns. Mit Sally, einer alten Pudeldame, haben wir außerdem eine neue Hündin aufgenommen. Sally war in einem sehr schlechten Zustand, als sie bei uns ankam. Das Ehepaar, bei dem sie Zuhause war, musste gesundheitsbedingt ins Altenheim und leider sah sich ihre Verwandtschaft nicht in der Pflicht, sich weiter um Sally zu kümmern. Sie wurde im Garten zurückgelassen und höchstens marginal mit dem Wichtigsten versorgt. 

Sie merken, ein Hagel-Hof-Jahr ist ein ständiges Auf-und-Ab zwischen Euphorie und Entsetzen, Hoffnung und Enttäuschung, Trauer und Freude und ein Balancieren zwischen den Extremen allgemein. Danke, dass Sie dabei an unserer Seite sind, uns unterstützen und ihren Teil dazu beitragen, dass wir den uns anvertrauten Tieren die Möglichkeit schenken können, ihre Traumata zu überwinden und endlich Frieden zu finden.

Ich wünsche Ihnen alles erdenkliche Gute für 2022, bleiben Sie gesund und passen Sie auf sich auf! 

Liebe Grüße und Danke für alles

Barbara Deppe

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