Liebe Tierfreunde, Unterstützer und Förderer des Hagel Hof e.V.,
es ist zur bewährten Tradition geworden, dass ich mich zum Ende eines Jahres an meinen Schreibtisch begebe, die zahlreichen positiven sowie herausfordernden Momente Revue passieren lasse und all jenen meinen tief empfundenen Dank ausspreche, die mir durch ihre Unterstützung ein zuverlässiger Rückhalt bei der Bewältigung der alltäglichen Anstrengungen waren. An dieser für mich stets sehr emotionalen Tradition möchte ich gewiss festhalten, dieser Brief jedoch wird aus einem feierlichen Anlass ein ganz Besonderer werden: Mit einigem Stolz und gleichzeitiger Ehrfurcht darf ich mich der Tatsache erfreuen, dass der Hagel- Hof sein 30-jähriges Jubiläum feiert – welch ein Meilenstein!
Vor 30 Jahren lebten wir in einer vollkommen anderen Welt. 1995 rollte der erste CASTOR-Transport mit Atommüll Richtung Gorleben und wurde dabei von massiven Protesten begleitet. Überall in Europa wurde mahnend an das Ende des zweiten Weltkrieges vor 50 Jahren erinnert. Abseits der großen Weltpolitik verteidigt Henry Maske seinen Weltmeistertitel und Borussia Dortmund wird nach 32 Jahren wieder Deutscher Fußballmeister. Inmitten all der Querelen des Jahres 1995 habe ich, damals Mutter zweier Töchter im Alter von 3 und 5 Jahren, einen Entschluss in die Tat umgesetzt, der schon länger in mir schwelte: Ich begab mich nach Löningen, um dort auf einem alten Bauernhof einen Ort zu schaffen, der vor allem den sogenannten „Nutztieren“ eine Zuflucht bieten sollte. Ehrlich gesagt hatte ich keine bis ins letzte Detail durchdachte Version davon, wie dieses Refugium auszusehen habe, wie vielen Tieren es Platz bieten sollte und ob es sich dabei um ein eher privates oder ganz offizielles Projekt handeln würde; was mich von Sekunde eins jedoch unumstößlich angetrieben hat, war der unbedingte Wille, den geschundenen Kreaturen etwas Gutes zu tun, ihnen zu helfen, wo ich kann. Und was soll ich sagen? Heute blicke ich auf 30 Jahre Hagel-Hof zurück und bin dabei sehr ambivalent gestimmt. Ich bin berührt von all den Schicksalen, deren Zeugin ich wurde, ich bin zutiefst dankbar für all die tierlichen Individuen, die ich kennenlernen und denen ich helfen durfte, ich bin überwältigt angesichts der Unterstützung und Solidarität, die mir zuteilwurde und ohne die weder ich noch der Hof solange durchgehalten hätten. Gleichzeitig ist da auch Melancholie und Trauer angesichts der Tatsache, dass Orte wie der Hagel-Hof weiterhin dringend benötigt werden. Ihre Existenz verweist darauf, wie wenig sich innerhalb der letzten 30 Jahre tatsächlich zugunsten der Tiere entwickelt hat. Natürlich ist nicht zu leugnen, dass zum Beispiel der Veganismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und dennoch gehört zur Wahrheit, dass Tiere auch heutzutage und das industrieller denn je ausgebeutet und getötet werden. Der Fleischkonsum steigt global weiter an, mag er auch regional rückläufig sein. Und auch im Privaten hat sich wenig getan. Weiterhin werden „Haustiere“ schlecht gehalten und nicht selten ausgesetzt, wenn sie – aus welchen Gründen auch immer – zu einer Herausforderung werden. Der Hagel-Hof wird im Jahr 2026 also noch dringender benötigt wie zu seiner Gründungszeit. Ehe ich kurz auf die Entwicklungen des vergangenen Jahres eingehen will, lassen Sie mich einige Schlaglichter auf die Meilensteine der letzten 30 Jahre werfen: Das erste Jahrzehnt des Hagel-Hofes war im Wesentlichen von architektonischen und organisatorischen Arbeiten geprägt. Dort, wo bis vor kurzem Kühe in Anbindehaltung „lebten“ und Hühner ohne Tageslicht gehalten wurden, sollte Platz für Besseres entstehen. So wurden die Räume und Gebäude entsprechend diesem Zweck umgebaut, viel handwerkliches Geschick und jede Menge Anstrengung waren dafür vonnöten. Auch musste in Erfahrung gebracht werden, was an bürokratischen Arbeiten so alles erledigt werden muss, um eine Lizenz als Lebenshof zu erhalten. Zähe und nicht selten zermürbende Auseinandersetzungen mit Ämtern, von deren Existenz ich bis dahin nicht einmal wusste, waren an der Tagesordnung. Wir mussten außerdem Kooperationen mit Futterhändlern und Tierärzten aushandeln sowie uns überhaupt einen Namen verschaffen. 1995 steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, sodass wir auf analogeren Wegen auf unser Projekt aufmerksam machen mussten. Nach und nach stieg unser Bekanntheitsgrad und mit ihm auch die Menge der Unterstützer. Mehr und mehr Tieren konnten wir Zuflucht bieten und endlich stellten sich routinierte Abläufe ein… bis 2006. In jenem Jahr, als ganz Deutschland im WM-Fieber zu stecken schien, stand der Fortbestand unseres Hofes plötzlich auf der Kippe, da ein Verein, der uns finanziell massiv unterstütze, unvorhergesehen wegbrach. Das markierte die vielleicht größte Krise der Hagel-Hof-Historie, die hier beinahe ihr frühzeitiges Ende gefunden hätte. Glücklicherweise kam es anders: durch den Kontakt zu einer Journalistin schaffte es das Schicksal des Hofes in die Tagespresse, ins Radio und sogar ins Fernsehen. Durch dieses bis dahin unerreichte Ausmaß an Aufmerksamkeit konnten viele neue Spender gewonnen und der Hof dadurch gerettet werden.Viele derjenigen, die dem Hagel-Hof in dieser schweren Stunde beistanden, sind auch heute noch an seiner Seite und unterstützen uns mit ihren Spenden. Ich kann Ihnen gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich dafür bin! Ihre Treue genauso wie die Solidarität aller, die seither dazugekommen sind, sind die Lebensversicherung des Hofes und somit der dort betreuten Tiere.
In diesem Jahr haben wir das erste Mal seit damals wieder rote Zahlen geschrieben. Die Zeiten sind (auch) aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklungen leider ähnlich herausfordernd wie 2006. Der Hof und vorrangig natürlich die Tiere: Wir brauchen Sie und ihre Unterstützung dringender denn je! Ich lade Sie ein, vorbeizukommen, sich mit mir auszutauschen, Ihnen eine Führung zu geben. Bringen Sie Freunde und Verwandte mit, berichten Sie von uns und unserer Situation! Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass der Hof auch die nächsten 30 Jahre Tieren in Not helfen kann! Nun aber zurück zur Historie: Nachdem also viele neue Spender gewonnen wurden und 2008 auch noch eine Erbschaft hinzukam, konnten wir so richtig loslegen und das Gelände zu dem machen, was es heute ist. 2012 kauften wir das Nachbarhaus und die die dazugehörige Weide, sodass die Pferde erheblich mehr Bewegungsfreiheit erhielten. Der Wasserschildkrötenteich und das Südamerikahaus entstanden. Das Affengehege wurde optimiert, das Reptilienzimmer umgebaut, die Taubenanlage errichtet und eine Außenvolliere ergänzt. Der Hof wuchs und wurde stetig weiter den Bedürfnissen und Erfordernissen der Tiere angepasst, bis 2015 der große Schock erfolgte: Unser Strohlager, das außerdem für die Schafe hergerichtet werden sollte, geriet in Brand und nahm erheblichen Schaden. Der finanzielle Verlust war enorm und auch der Neubau sollte neben viel Geld auch jede Menge Nerven kosten. Seit 2017 aber dürfen wir diesen unschönen Teil unserer Geschichte als erfolgreich bewältigt betrachten. Heute schreiben wir das Jahr 2026, seit Gründung des Hofes sind 30 Jahre vergangen und wir sind immer noch da. Der Hof ist da und das Pony Jerry – das einzige Tier, das 1995 mit einzog und auch heute noch unter uns weilt – ist auch noch da. Auch Sie sind da und tragen Ihren Teil dazu bei, dass es uns gibt. Dass es weiterhin Orte wie den Hagel-Hof braucht, zeigt das vergangene Jahr in trauriger Deutlichkeit: Auch 2025 wurden wir mit Aufnahmeanfragen überhäuft. Vielen – um nicht zu sagen: den meisten – mussten wir aufgrund der finanziellen Situation, in der wir uns befinden, mit schwerstem Herzen absagen. Diese Momente, mögen Sie auch noch so häufig vorkommen, werden für mich niemals zur Routine werden. Jenseits der notwendigen Absagen kam es aber auch zu Situationen, in denen ganz unmittelbare Hilfe erforderlich war, die wir dann auch ohne zu zögern geleistet haben. Zum Beispiel haben wir eine noch sehr junge Katze mit zweifach gebrochenem Bein aufgenommen und mehrfach notoperieren lassen. Die Vermutung liegt nahe, dass sie aus einem fahrenden Auto geworfen worden ist. Auch ein Wallaby, das in herkömmlichen Tierheimen keine guten Bedingungen vorgefunden hätte, fand den Weg zu uns und lebt jetzt mit Artgenossen zusammen. Einige Kaninchennotfälle haben wir auch betreut, da die Tierheime maßlos überfüllt sind. Zuletzt haben wir kurzfristig über 100 ausgesetzte und in einem miserablen Zustand befindliche Wachteln aufgenommen. So gut es ging, haben wir sie gepäppelt und umsorgt, einige haben es dennoch nicht geschafft.
Nun, ich habe meinen Mut nicht verloren. Es ist herausfordernd, anstrengend und bisweilen emotional nur schwer zu verkraften, was sich als akzeptierte Normalität an Grausamkeiten so zuträgt. Die Tiere sind da oft wehrlos, aber wir haben einen Ort geschaffen, an dem zumindest einige von ihnen Zuflucht finden können. Zum Erhalt dieses Ortes tragen Sie mit ihren Spenden bei. Danke für Ihre Solidarität und Unterstützung. Für den Hagel-Hof gäbe es keinen schlechteren Zeitpunkt, sich zurückzuziehen, als jetzt. Also verabschiede ich mich in der Hoffnung, dass Sie uns als Unterstützer erhalten bleiben und wünsche Ihnen ein gelingendes, gesundes und freudvolles neues Jahr.
Barbara Deppe






